09.03.2008

Total verschimmelt!

Noch habe ich natürlich keinen Grund mich aufzuregen. Ich warte schließlich erst seit knapp zwei Stunden. Offenbar ist die Sachbearbeiterin eine vom besonders gründlichen Schlage. Ich hoffe zutiefst, dass sie es mir nicht übel nimmt, dass ich gleich zwei Anliegen auf einmal habe: Ich brauche einen neuen Personalausweis und mein Reisepass muss dummerweise auch verlängert werden.

Oh, jetzt ist wieder jemand aus dem Amtszimmer herausgekommen. Der bedauernswerte Mensch sieht völlig fertig aus. Genau wie ich starren alle anderen gebannt auf die kleine grüne Lampe, die jetzt doch jeden Moment aufleuchten müsste, damit dem nächsten Bürger die Gnade zuteil wird, eintreten zu dürfen.

Die grüne Lampe leuchtet nicht auf! Nicht jetzt und fünf Minuten später auch noch nicht. Dann plötzlich öffnet sich die Tür und die Sachbearbeiterin tritt heraus. Missbilligend schaut sie auf uns Pack herab! „Was ist hier bloß wieder los?“ murmelt sie noch und verschwindet in Richtung Damen-Toilette.

„Na gut“, denke ich. „Auf Klo gehen kann ja nicht allzu lange dauern. Das ist immerhin ein legitimes Bedürfnis.“ Erst dann bemerke ich, dass die Amtmännin in der rechten Hand eine Gießkanne hält. Kann es denn wahr sein? Lässt die uns jetzt tatsächlich warten, weil sie erst Blumen begießt?

Natürlich lässt sie uns warten. Auf dem Rückweg vom WC geht sie noch langsamer als auf dem Hinweg. Schließlich muss sie jetzt die volle Kanne vorsichtig ins Büro bugsieren. Das erfordert offenbar totale Konzentration, denn sie würdigt uns keines Blickes.

Die Stimmung unter den Wartenden wird immer düsterer. Eine seltsame Mischung aus Resignation und Wut macht sich breit. Man würde jetzt ja gerne mal das Amtszimmer stürmen, und dieser Dame den Marsch blasen. Ihr erklären, dass es unser Geld ist, welches ihr Hier sein finanziert. Ganz richtig, „Hier sein“! Denn als Arbeit kann man das nicht bezeichnen, was diese Dame hier tut. Aber man will ja was von der Hexe und darf es sich nicht mit ihr verderben...

Obwohl ich mich heute morgen rasiert habe, fühle ich bereits wieder deutliche Bartstoppeln am Kinn. Eine hochschwangere Frau hat inzwischen ihr Kind zur Welt gebracht und ein älterer Mann ist entweder eingeschlafen oder verstorben. Ich überlege noch, welcher Schaden unserer Volkswirtschaft wohl durch sinnlose Wartezeit in Deutschlands Behörden entsteht, als zur Überraschung aller plötzlich die grüne Lampe erleuchtet, und ein Mann mit Lederjacke es endlich geschafft hat. Er ist dran!

Ein Wunder? Ja, ein Wunder, die Dame ist offensichtlich fertig mit der Pflege ihrer Büropflanzen. Nach erstaunlich kurzer Zeit kommt die Lederjacke wieder heraus. Den freudigen Blick einer Frau, die glaubt, nun an der Reihe zu sein, zerstört der Mann: „Ich bin noch nicht fertig! Ich brauche erst Gebührenmarken und muss dann noch mal rein.“

In den zwanzig Minuten, die der arme Kerl an der Kasse Schlange stehen muss, weil es ja nur dort die erforderlichen Marken gibt, rührt sich im Büro nichts. Die Dame bittet niemanden herein, das grüne Licht bleibt aus. Ein Blick in die Gesichter der Mitwartenden verrät, dass alle das gleiche denken: „Was macht die alte Zimtzicke jetzt da drinnen? Nägel lackieren, Kaffee kochen, eine Runde schlafen?“

Ob die Dame im Büro weiß, dass sie und ihre Kolleginnen die meistgehassten Frauen des Universums sind? Vermutlich ja! Denn offenbar hat eine zum Sadismus neigende Frau, nur zwei berufliche Möglichkeiten. Entweder sie wird Domina, oder sie geht eben zur Behörde...

Stunde um Stunde schleicht sich dahin. Zwischendurch kommt zur Abwechslung des tristen Alltags noch mal eine weitere Sadistin vorbei, öffnet die Tür und quietscht: „Sag mal Erika, hast Du das mit Frau Hoffmann schon gehört?“ Es folgt ein längerer Wortwechsel über die jüngsten Schicksalsschläge besagter Dame. Obwohl ich Frau Hoffmann nicht kenne, habe ich doch so viel verstanden, dass ihr Mann eine Jüngere hat, und ihre Tochter wohl wegen eines Musikers die Schule schmeißen möchte.

Die quietschende Stimme wird plötzlich still, als eine etwas behäbig wirkende Frau durch den Flur trabt. „Tag, Frau Hoffmann“, säuselt sie. Frau Hoffmann nuschelt irgendeinen Gruß zurück und ist sich offenbar völlig darüber im Klaren, dass sie gerade von 127 Wartenden mit einer Mischung aus Neugier und Bedauern angestarrt wird.

Ich weiß nicht mehr, wie es dazu gekommen ist, aber auf einmal bin ich dran. Und die Frau im Büro kann sogar grüßen: „Guten Morgen!“ Ist tatsächlich immer noch Morgen? Ich dachte es wäre viel später am Tag oder vielleicht schon irgendwann im nächsten Jahr!?

Ich erläutere meine zwei Anliegen und überlege noch für einen Moment, ob ich den Antrag des Reisepasses vielleicht lieber auf Knien stellen sollte. Aber vielleicht geht es auch so.

Natürlich war mir klar, dass ich noch Gebührenmarken brauche, aber der Besuch bei der Kasse dauert insgesamt nicht länger als eine halbe Stunde.

Dann aber gibt es ein Problem: „Haben Sie denn die Meldebestätigung dabei?“ Die Meldebestätigung?

„Ja, steht denn nicht in Ihrem Computer, dass ich hier gemeldet bin?“ Ich weiß ja, dass es da steht, ich sehe ja den Bildschirm. Aber der Drachen bleibt hart: „Ich muss da ganz sichergehen. Wir haben schließlich unsere Vorschriften! Kommen Sie morgen noch mal wieder...“

Oh, Du abartiger verachtenswerter deutscher Amtsschimmel! Als ich das Zimmer verlasse, begleitet das widerwärtige Wesen mich zur Tür. Allerdings nicht aus Mitleid, wie ich zunächst vermutet habe, sondern um den anderen Wartenden zu verkünden: „Ich bin jetzt zu Tisch. Nach dem Mittagessen sehen wir dann mal, wie weit wir heute kommen!“

Das neugeborene Baby hat inzwischen Laufen gelernt. Und die Leiche des alten Herrn wird auch endlich abtransportiert...