22.12.2010

Klartext bitte!

Warum eigentlich reden Versicherungsmenschen von „Reproduktionsverhalten“ wenn sie doch eigentlich Sex meinen?

Der Virus, Dinge möglichst neutral, sachlich und mitunter auch beschönigend zu beschreiben, greift seit Jahren immer stärker um sich. Da wird schlichter Müll zwar „Wertstoff“ bezeichnet, aber eigentlich bleibt er, was er ist: Müll! „Wertstoff“ ist zwar auch Müll, aber genau genommen nur Wortmüll.

Verschlimmert wurde die Situation durch das Antidiskriminierungsgesetz der EU. So darf man zum Beispiel die Sammelbehältnisse dieser sogenannten Wertstoffe keineswegs volkstümlich als „Gelbe Säcke“ bezeichnen. Chinesische Männer könnten sich dadurch nämlich diskriminiert fühlen…

Ein anderes Beispiel: Was wurde Anfang der Neunziger Jahre diskutiert! Politiker meinten damals, man könnte die ehemalige DDR keinesfalls so nennen. Also wurden flugs Alternativen entwickelt: Aus der ehemaligen DDR wurden zunächst die „fünf neuen Länder“ (im Behördensprech damals auch oft als FNL abgekürzt), später setzte sich dann der Begriff „neue Bundesländer“ durch.

Geholfen hat das alles nichts. Die blühenden Landschaften sind trotz aller blühenden Fantasie bei der Findung von Synonymen für die ehemalige DDR ausgeblieben. Da half auch das tröstliche „Ossiland“ nichts, das Bewohner der „alten Bundesländer“ dem offiziellen Begriff entgegenhielten.

Auch Ausländer fühlen sich kaum besser integriert, nur weil sie jetzt als Menschen mit „Migrationshintergrund“ bezeichnet werden. Ich möchte jedenfalls nicht derjenige sein, der einem durchschnittlichen Mitglied einer durchschnittlichen Jugendgang -sagen wir mal aus Berlin Neukölln- etwas über seinen „Migrationshintergrund“ erklären muss. „Migrawas Alder? Wer is hinter mir, ey?“

Man fragt sich, wie die Schöpfer solcher Wortungeheuer privat kommunizieren? Vielleicht so: „Liebling, wollen wir die Nahrungsaufnahme heute in einer nicht elektrifizierten Beleuchtungssituation durchführen und anschließend unser aktives Reproduktionsverhalten unter Beweis stellen?“

(K)ein Kommentar!!!


(C) 12/2010 Arne Salig

12.12.2010

Kartenspiele

Die nette Dame am Telefon ist keine große Hilfe: „Nein, diese Woche wird das nichts mehr!“ Dabei habe ich ein ziemlich drängendes Problem, denn die Waschmaschine ist kaputt und müsste schnellstens repariert werden.

Aber was will man machen? In den Wochen vor Weihnachten befinden sich fast alle Firmen im absoluten Ausnahmezustand, denn die Belegschaften der Unternehmen stecken bis zum Hals in der vielleicht wichtigsten Arbeit des Jahres. Nein, nicht vom Jahresabschluss ist die Rede, sondern vom alljährlichen Versand der Weihnachtskarten!

Die Azubis werden aus der Berufsschule zurückbeordert, damit sie die Karten in die Umschläge eintüten können. Die Sekretärinnen sind vollauf damit beschäftigt, Berge von Namen und Adressen zu sortieren. Die Damen und Herren aus der Sachbearbeitung wiederum sortieren die Umschläge nach Postleitzahlen, damit das Porto nicht so arg teuer wird!

Der Außendienst ist quasi Tag und Nacht im Dauereinsatz, um den wichtigsten Kunden die Karten persönlich zu überreichen.
Die hübsche Sekretärin vom Geschäftsführer hat schon eine ganz pelzige Zunge, weil sie zur Abwechslung die ganzen Sonderbriefmarken abschlecken muss...
Die Freaks aus der EDV-Abteilung stehen unter Dauerstress, weil der Hauptrechner angesichts der immensen Adress-Datenflut etwa alle fünf Minuten abstürzt.
Nur die Mädels aus der Telefonzentrale haben nicht direkt mit den Kartenspielen zu tun, denn schließlich müssen sie verärgerte Kunden und Lieferanten abwimmeln, die verzweifelt versuchen, irgend jemanden in der Firma zu erreichen.
Und wozu der ganze Stress? Damit die Adressaten in den anderen Unternehmen im wahrsten Sinne mit sinnlosen Weihnachtsgrüßen zugemüllt werden!
Denn tatsächlich landen etwa 96 Prozent der Karten im Müll, nachdem der Empfänger sie mit einem beinahe verzweifeltem Blick kurz zur Kenntnis genommen hat. Obwohl manche Firmen die Karten vor dem Wegschmeißen noch durch ein Erkennungssystem laufen lassen, bei dem automatisch überprüft wird, ob man selbst dem Absender auch einen Weihnachtsgruß zugeschickt hat...
Kilometer lange Schlangen vor dem Postschalter zeigen an, dass wirklich jede Firma glaubt, diesen Wahnsinn mitmachen zu müssen! Mann kann sich die Frage stellen, wie viel Prozent des Bruttosozialproduktes der alljährliche Wehnachtskarten-Rausch ausmacht. Welcher Schaden mag wohl unserer Volkswirtschaft entstehen, wenn die gesamte Industrie für fast drei Wochen im Jahr komplett lahm liegt?
Wenn die Karten wenigstens originell wären, könnte man dem Ganzen ja vielleicht noch einen Funken Spaß abgewinnen. Stattdessen erhält man Jahr für Jahr mehr oder weniger den gleichen Mist! Verblüffend häufig ist dort höhnisch von friedlicher Weihnachtszeit die Rede. Wie denn? Wie soll die Weihnachtszeit bitteschön friedlich werden, wenn man mit idiotischen Kartengrüßen geradezu überhäuft wird?
Da helfen zur Beruhigung auch keine Karten mit Weihnachtsgedichten oder pseudo-philosophischen Texten. Noch schlimmer sind nur diese Kärtchen mit irgendwelchen Backrezepten, zum Beispiel für Zimtsterne. Unweigerlich beschleicht mich die Panik, dass der Absender von mir erwartet, dass ich das Rezept gleich ausprobiere. Und natürlich, dass ich dann begeistert schwärme, wie lecker die Zimtsterne waren.
Doch wie soll ich jetzt backen? Hier auf dem Postamt? Schließlich stehe ich bereits seit 75 Stunden in der Schlange. Ich hoffe nur, dass ich noch vor Heiligabend zum Schalter vordringe. Wäre doch schade, wenn meine Weihnachtsgrüße nicht rechtzeitig zum Fest ankommen würden...